Reisen der Sinne

Die Marktstände erscheinen in einer Vielfalt an Farben, die einem Gemälde gleichen. Oft würde ich gerne das Obst beschnuppern und reinbeißen und mich von Geruch und Geschmack in fremde Länder entführen lassen. Die Passionsfrucht befördert mich zurück in die Zeit in Tansania – ich kann es riechen und hören – die Erinnerung wach gerufen durch Neuronen. Falafeln werden in Humus getaucht und als Kostprobe angepriesen, Nüsse und Dörrobst vor dich hingehalten. Das Schreien der Markttreibenden zeugt von durchtrainierten Stimmbändern und sie übertrumpfen sich gegenseitig im Kampf der Aufmerksamkeit. Touristen schlendern mit Kameras in den Händen, bleiben stehen, bringen den Fluss des Markttreiben zum Stocken. Doch einmal dem Marktstand zugewendet und in ein Gespräch mit dessen Verkäufer verwickelt, hat man eine Kostprobe nach der anderen in der Hand. Mit Datteln in Fetakäse, Nüsse, die im Zucker gebadet haben, Oliven in ihrer Buntheit, Dörobst, das man nicht wollte und Gewürzen in Farben, dessen Verwendung man nicht weiß – alles verpackt in einem Sackerl – verlässt man den Marktstand. Glücklich ein Stück Urlaub mit sich zu tragen. Einheimische drängen sich mit der Klarheit des Ziels vor Augen durch die Massen.

Kurz vor Sonnenuntergang hört man, wie Kisten gestapelt werden und das Donnern von Rollläden, die ihre Geburt weit vor mir hatten. Der Markt leert sich. Was bleibt ist eine Ruhe und der Geruch von Tomaten, Zitronen und Erdbeeren, vermischt mit Fleisch, kandierten Nüssen und Fisch. Dieser Markt ist reisen mit allen Sinnen. Morgen flüstert er, erwach ich wieder und erstrahle in Farben – die funkeln wie die Edelsteine der kaiserlichen Krone.

Der Naschmarkt.

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